[forschung]: themen


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eine phänomenologie der stoffe des bauens

Der sichtbare Gebrauch von Metall und Edelmetallen war in der Geschichte des Bauens durchaus nichts Neues. Ursprünglich zuvorderst dekorativ-ornamental in der Sphäre des Edlen und Erhabenen verwand, wandelte sich sein Gebrauchsverständnis im Maschinenglauben der Frühmoderne schroff. War es zu Anfang noch "das Phantom des Pathetischen, das die neuen Errungenschaften lähmte und einschnärte", so waren die Avantgardisten bald "von dem Phantom des Plutonischen besessen, das alles Lebendige, was wir berühren in Metall verwandelt."
[Lewis Mumford, Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer (1925)]

Den Verlockungen des teuren Stoffs und seinem unfreiwillig schnell sich einstellenden Pathos suchte die Moderne durch formale Reinheit und Abstraktion zu entrinnen. Damit ging eine visuelle Entstofflichung einher, die sich parallel in der Malerei der zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - im Verlust der Schilderung irdischen Glanzes - beobachten lässt. Morandi malte seine Gefäße zur platonischen Idee, alles Stoffliche war transzendiert.
Allein die Dinge wurden eben nie moralisch nur, archaisch der Materialismus: Gold blieb sprechender Ausdruck alles hoffnungslos Bourgeoisen in der Architektur. Die Funktion und Bedeutung von Glanz und Gold im Intermezzo des heroischen Totalitarismus in Deutschland mag nicht weiter überraschen, interessanter aber erscheint doch der Aufstieg und Fall eines ästhetisch suspekten Bastards, des goldfarbenen Messings. Die widerstandsfähige Legierung aus Kupfer, Zink, Aluminium und Blei erlebte eine eigenartige Blüte in der undogmatischen, so genannten zweiten Moderne.

Messing wurde zum Sinnbild des bescheidenen Glanzes der Wiederaufbau-Jahre in Deutschland. Ein wenig Luxus im ansonsten rauen Aufbau-Alltag schenkten die feinen Messingsprossen der damals unverzichtbaren, farbigen Blumenfenster dem neuen Eigenheim, oder im öffentlichen Bauen zu entdecken in Beschlägen und Profilierungen wie bei Wilhelm Koeps legendärem 4711-Haus in Köln oder Dietrich Gerlachs Dortmunder Stadthaus. Vor diesem Hintergrund kann die Lücke einer baugeschichtlichen Betrachtung des Messinggebrauchs in der modernen Architektur doch erstaunen, da weniges so plakativ den ästhetischen Niedergang aus diesen Jahren der Bescheidenheit illustriert wie der schon bald von scheppernder Großmannssucht des "Wir-sind-wieder-wer" getragene Gebrauch des Messing.
Imitat alles Güldenen, wurde es liederliches Attribut des Parvenüs, frivoles Zubehör missgestalter Hotelentrees, treppenhäusliches Präludium der Abrechnungsfreudigkeit angesehener Privatkliniken und nicht zuletzt, lasterhaftes Accessoire der Muschelpools gewisser Etablissements.
upw nagel aus "mit abstand betrachtet"