[lehre]: idee und aufgabe


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»Grau und zusammen geschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder (...), "es ist mein Verlobter", sagte sie endlich, "um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte..."«

Alle irdischen Dinge folgen dem Gesetz des Lebens von Wachstum, Blüte, Niedergang und Tod. In der Architektur der Moderne wurden diese zyklischen Stufen auf eine Dualität von Blüte und Tod reduziert, das heißt, Formschöpfung und Formzerstörung. "Ich möchte sagen, man sollte heute dazu übergehen, Gebäude so einzuschätzen, nicht, dass man sie baut, sondern dass man sie auch wieder abreißt. (....) Wir wissen das alles vergänglich ist. Wir wissen, dass selbst der härteste Stein eines Tages irgend etwas zum Opfer fallen wird. Hat es einen Sinn, darüber zu philosophieren, ob etwas 100 Jahre oder 2000 Jahre oder 5000 Jahre hält ?" (1)
Diese Denkhaltung fußte auf zwei Ursachen: Zum einen war die Moderne im Kern ahistorisch und akontextuell, das heisst, sie definierte sich über ein "Neusein", sei es sozialreformatorischer oder technischer Art, zum anderen war sie fortschritts- und technikgläubig und betrachtete die ihr zur Verfügung stehenden neuen Baustoffe und Bautechniken im Wesen als Verschleissteile des propagierten Maschinenzeitalters.

Es begann der Aufstieg der ausserordentlich harten, dauerhafter beständigen, praktisch reaktionsunfähigen Werkstoffe. Doch viele der neuen Stoffe besaßen ein sich bald als tragisch ausweisenden Mangel, sie entzogen sich den Prozessen der Patinierung, sie alterten nicht sondern mumifizierten in Schäbigkeit.

"Man muss auch Dinge solcher Art beachten wie die Tatsache, dass auch die Erscheinungen, die im Gefolge von Naturvorgängen auftreten, etwas Anmutiges und Reizvolles haben. So zum Beispiel dass, wenn ein Brot gebacken wird, gewisse Teile davon Risse bekommen, und dass diese, die in gewisser Hinsicht im Widerspruch mit dem Vorhaben des Bäckers stehen, in die Augen fallen und in uns eine eigentümliche Lust erwecken, davon zu essen. (.......); wenn daher jemand das richtige Gefühl und eine tiefere Einsicht in das Geschehen des Weltganzen hat, dann wird ihm beinah alles auch von den Dingen, die infolge einer Nebenwirkung geschehen, den Eindruck machen, als ob es auf seine besondere Weise zur Freude am Ganzen beiträge." (2)
(1) Egon Eiermann, 1967
(2) Marc Aurel, Selbstbetrachtungen